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Indien und Afghanistan nach dem Fall der Taliban Mit der Beseitigung des Taliban-Regimes haben die Vereinigten Staaten von Amerika ihr erstes Etappenziel in ihrer Kampagne gegen den Terrorismus erreicht. Indien hat in den Geschehnissen, die auf den 11. September folgten, eher die Rolle eines Zuschauers eingenommen. Dennoch werden die indischen Interessen durch den Umsturz in Afghanistan massgeblich berührt und Premierminister Vajpayee hat für sein Land bereits angekündigt, im Nachkriegsafghanistan eine "maximale politische Rolle" spielen zu wollen. Ganz unmittelbar ist das Interesse Indiens an Afghanistan durch seine Eigenschaft als Anrainerstaat seines lästigen pakistanischen Nachbarn begründet. Hinzu kommen die politischen und wirtschaftlichen Ambitionen Indiens in der post-sowjetischen Staatengemeinschaft Zentralasiens, deren Entwicklung durch die wirren Verhältnisse am Hindukusch bisher behindert wurde. Im Hinblick auf beide dieser Aspekte scheint die Errichtung einer Konsensregierung in Afghanistan unter internationaler (sprich westlicher Aufsicht) für Indien günstig. Gleichwohl hat es trotz der Bekundungen Vajpayees nur sehr begrenzte diplomatische Mittel zur Hand, die Dinge in Afghanistan zu beeinflussen. Das schwierige Gelände, die Rückständigkeit in jeglicher Hinsicht und die ethnische Vielfalt, haben bisher eine nationalstaatliche Konsolidierung Afghanistans verhindert. Vielleicht ist diese gar auf Dauer unwahrscheinlich. Unter diesen Bedingungen ist es unumgänglich, dass Einfluß von Außen genommen wird. Für Pakistan steht hier besonders viel auf dem Spiel und dementsprechend intensiv ist dessen Verstrickung. Es ist weniger das General Zia-ul-Haq zugeschriebene Verlangen nach "strategischer Tiefe" - im Klartext sind Rückzugsmöglichkeiten im Falle eines Landkrieges mit Indien gemeint -, wonach Pakistan strebt. Auch das islamische Sendungsbewußtsein mit dem Fernziel eines islamischen Superstaates zwischen Indus und Kaspischen Meer entstammt eher dem rhetorischen Arsenal des Fundamentalismus als den Erfordernissen praktischer Staatsdoktrin. Die pakistanischen Absichten sind tatsächlich defensiver Natur: der Tatbestand des Konsolidierungsdefizits ist nämlich auch, und zwar in erheblichem Maße, wegen der sich überlappenden Volksgruppen der Paschtunen und Belutschen für Pakistan festzustellen. Sprach- und Kulturethnien können sich als überaus zäh erweisen und der Unterordnung unter nationalstaatlichen Anforderungen widerstehen. Die Abwesenheit der Zentralgewalt im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet ist sprichwörtlich und die Gegend wird selbst heute noch als "frontier" bezeichnet, was nichts weiter ist als ein Euphemismus für ein gesetzloses Land. Es besteht gegenwärtig in Ost und West ein selten einmütiges Verlangen, transnationalen Terrorismus, Drogenhandel und das fortdauernde Chaos in Südwestasien zu beenden: Probleme für die die Region bisher als Synonym steht. Dies erfordert eine politische Neuordnung mit Aussicht auf dauerhafte Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung, was nicht zuletzt bedeutet, Zentralasien mit seinen gewaltigen Energiereserven in die Weltwirtschaft zu integrieren. Auf dem Wege zu diesem Ziel könnte Pakistan über kurz oder lang als ein Hemmnis wahrgenommen werden; in dem Maße wachsend, wie die Kohäsion und ökonomische Überlebensfähigkeit dieses Staatsgebildes mit fragwürdiger Basis weiter abnimmt. Aus indischer Sicht gewinnt diese Situation natürlich umso größeren Reiz, je unabhängiger die Regierung in Kabul von derjenigen in Islamabad ist, bzw. je mehr die nicht-paschtunischen Volksgruppen im afghanischen Machtgefüge an Bedeutung gewinnen. Bereits jetzt bestehen berechtigte Zweifel daran, ob es der Karsai-Regierung gelingen wird, nach all dem was im Bürgerkrieg an Grausamkeiten verübt wurde, einen Ausgleich unter den Volksgruppen in Afghanistan zu erzielen. Am Ende könnte auch die Notwendigkeit einer territorialen Neuordnung unter Einbeziehung Kaschmirs stehen, die auch Pakistan mit in seinen Strudel ziehen würde. Für eine Variante des staatlichen Untergangs Pakistans zugunsten einer Reihe ethnisch konstituierter Nachfolgestaaten wie Pashtunistan, Balutschistan, Sindh und vor allem Kaschmir dürfte für Indien selbst die Aufgabe seines Teils der umstrittenen Provinz als Preis nicht zu hoch sein. Sollte Indien eine Zerschlagung Pakistans anstreben, so wäre Afghanistan hierfür ein Schlüssel.
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